SRF News: «Er wurde zum Türken»

Einen interessanten Einstieg in einen Beitrag wünscht sich jede*r Journalist*in. Ein solcher Versuch von SRF News ging jedoch deutlich daneben. Über einen tobenden Fussball-Fan, eine rassistische Redewendung und das Schüren von Ressentiments.

Von Albina Muhtari

Ein interessanter Einstieg in einen Beitrag. Vielleicht sogar mit einem viralen Clip. Lustig. Unterhaltsam. Wahrscheinlich war das die Absicht der SRF News-Redaktion, als sie im Vorfeld ihrer Erklärt-Reihe zum «Türkei-Griechenland-Konflikt» den Video-Clip eines tobenden Fussballfans einblendete, der auf seinen Fernseher einschlägt. Darauf der Kommentar von SRF-Moderatorin Wasiliki Goutziomitros: «Wenn jemand so richtig tobt, sagt man in Griechenland, ‹er wurde zum Türken›.»

Screenshot SRF News

Im anschliessend folgenden Fernsehbeitrag geht es um Seegrenzen-Konflikte zwischen der Türkei und Griechenland, sowie einen Rückblick auf historische Schlachten, wie etwa die Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen.

«Wenn jemand so richtig tobt, sagt man in Griechenland, ‹er wurde zum Türken›.»

SRF News

Das Problem: Die zu Beginn des Beitrags aufgenommene Redewendung schürt Ressentiments. «Wenn jemand tobt, wird er zum Türken» schreibt einer bereits stigmatisierten Gruppe eine sie angeblich auszeichnende Charaktereigenschaft zu – und reproduziert somit das Bild des «aggressiven Türken» oder «gewaltbereiten Muslims oder Orientalen». Den Türken als kollektive Gruppe wird somit eine natürliche Aggressivität und erhöhte Gewaltbereitschaft unterstellt, eine kulturelle Unverträglichkeit mit dem sonst so zivilisierten Europa, hier repräsentiert durch Griechenland, resp. durch das aus Griechenland stammende Sprichwort. Die Rassismusforschung bezeichnet das Vermitteln solcher Bilder als «kulturellen Rassismus».

Durch die Aufnahme dieser Redewendung in ihren Bericht reproduziert die SRF News-Redaktion dieses Stereotyp nicht nur sprachlich – sie geht sogar so weit, es durch einen tobenden Fussballfan visualisieren und es somit auch durch Bildsprache untermauern zu wollen. Dabei steht die Redewendung in keinem Zusammenhang mit dem anschliessend folgenden Beitrag, sowie der Fussballfan nicht in Zusammenhang mit der Redewendung gesetzt werden kann. Ein redaktionelles Desaster.

Bleibt die Frage, weshalb die Redaktion ohne jeglichen Zusammenhang zum Beitrag einen solch diskriminierenden Einstieg wählt. Ihren Leser*innen und Zuschauer*innen, die das Video in den sozialen Medien kritisiert haben, bleibt SRF News eine Erklärung schuldig. Weder auf Instagram noch auf Facebook geht die Redaktion (Stand 24. Oktober 2020) auf deren Kritik ein.

Auf Nachfrage der Neuen Schweizer Medienmacher*innen schreibt die Medienstelle des SRF:

«Wir bedauern, dass die erste Szene für so viel Diskussionen sorgt – und offensichtlich missverstanden wurde. Es war nicht unsere Absicht, jemanden zu verletzen – wir bedauern ehrlich, sollte dies dennoch der Fall sein. Die Einstiegsszene war ein Versuch zu zeigen, dass sich jahrhundertealte Ressentiments auch heute noch in der Sprache niederschlagen, obschon sie im Alltag selbst meist gar keine Rolle mehr spielen – etwas, was wir wenig später im Video ebenfalls thematisieren. Wer das Video bis zum Schluss schaut, wird uns kaum unterstellen können, wir würden hier einseitig berichten.»

SRF News scheint das Problem nicht begriffen zu haben. Anstatt sich konstruktiv mit der Kritik auseinanderzusetzen

  • negiert die Redaktion den verallgemeinernden Charakter des Sprichworts und hakt den Hinweis darauf als «missverstanden» ab.
  • stellt die Redaktion die Verwendung des Sprichworts und somit das Reproduzieren der Stereotype nicht infrage, auch wenn das Sprichwort keinen Bezug zum restlichen Beitrag hat, resp. in diesem nicht wiederaufgenommen wird, wie die Medienstelle fälschlicherweise behauptet.
  • stellt die Redaktion die Visualisierung des Sprichworts mittels aggressivem Fussballfan nicht infrage.

Von einem öffentlichen Sender, für den auch Türk*innen und andere Menschen mit Migrationsgeschichte Gebühren bezahlen, fordern wir einen professionelleren Umgang mit Kritik bezüglich diskriminierender Inhalte. Weiter fordern wir, dass sich die Redaktion in Zukunft stärker mit den Botschaften auseinandersetzt, welche die durch sie vermittelten Inhalte haben können.

Denn die Redewendung und das Video fördern nicht nur Ressentiments – sie sind auch in journalistischer Hinsicht fraglich, indem eine Voreingenommenheit gegenüber einer der Parteien geschaffen wird, bevor der eigentliche Beitrag überhaupt erst gestartet ist. Tendenziöse Komponenten wie diese sollten in einer ausgewogenen und objektiven Berichterstattung keinen Platz haben.